antwort 1

Liebe Iris
Danke für diese tiefen Zeilen. Das kostet etwas, so zu schreiben, so ehrlich, so wissend, dass doch viele im Grunde kaum verstehen werden….
Auch ich. Was habe ich da schon zu sagen, wie kann ich mir anmassen überhaupt darauf reagieren zu wollen?
Und doch: in meinem Kopf bist du, seid ihr und ist es Zufall, dass mir das Thema im Moment oft begegnet und ich so immer wieder an euch erinnert werde? Da war ein 2-seitiges Dossier in der Zeitung, eine Mutter, ihre Tochter ging mit 18. Wüsste ich deine Adresse, ich würde es dir schicken – sie versteht, was ich nur erahnen kann. Wie das Kind allgegenwärtig bleibt, wie sie nie mehr wird zur früheren “Normalität” zurückkehren, ihr Leben lang nicht.
Oh, ich fange an zu begreifen wie unverstanden sich meine Freundin oft fühlen muss, wenn sie mir auch noch nach Jahren so schmerzlich von ihrem Vater erzählt, der sich auch für das Sterben entschieden hat – und ich habe bis jetzt nicht kapiert wie tief das geht, wie wichtig das immer noch für sie ist und bleiben wird, habe sie nicht ernst genommen…..ich werde sie um Verzeihung bitten müssen.
Helio…weisst du, dass ich ihn nur ein einziges Mal lebend gesehen habe? Dort auf Deyen. Möglich, dass ich total falsch liege aber mein Eindruck war, dass der junge Mann insgeheim eine ganz schön gute Meinung von seiner Mutter hatte, möglicherweise sogar etwas stolz war auf diese Frau, die ganze Alpen managt und ein so anderes Leben führt als andere Frauen. Könnte es sein, dass er in aller Rebellion und allen Schwierigkeiten irgendwie doch immer darauf zählen konnte, dass seine Mutter ihn tief drinnen eigentlich ziemlich gut versteht, dass er sich darauf auch oft abgestützt hat?
Ob er wohl, etwas zu selbstverständlich auch davon ausgegangen ist, dass seine Mutter auch seine letzte Entscheidung verstehen würde? Deine Zeilen nach scheint es mir das, wo du dich gerade annäherst, dieses Verstehen, dieses Begreifen, diese Möglichkeit durch diese Tür zu gehen….
Falls dich meine Hypothesen nerven, klick mich einfach weg!
Was mich auch beschäftigt: es kommt mir vor, dass derjenige, der geht all die Verzweiflung, all das Schwierige, all das Ungelöste, die Fragen. die Aengste, die Hoffnungslosigkeit oder was es sonst ist zurücklässt. Und dann ist jemand anderes dazu bestimmt? verurteilt?  das alles zu übernehmen, weiter zu tragen.  Jedenfalls bleibt es da…ob es auf jemanden wartet, der daran nicht zerbricht? Keine Ahnung, schwierig….
Iris, einmal in meinem Leben, ich war 17 da habe ich auch diese Nähe der anderen Seite gesehen, oben im 6.Stock auf dem Fenstersims, dieses Gefühl gespürt, dass ich ohne Angst springen könnte, dass das gar nichts Schlimmes wäre, im Gegenteil….
dann aber diese Augen meiner Schulfreundin, die dazu kommt, dieses Gesicht, dieser Schrecken, ja schon Trauer fast, das hat sich bei mir eingebrannt für mein ganzes Leben. Wir haben zusammen geweint, nachher nie mehr darüber geredet, denn für mich war diese Möglichkeit kein Thema mehr ab dann. Aber ich weiss jetzt, dass man dort stehen kann und dass nicht bei allen jemand dazukommt. Warum das so ist? Wenn ich das wüsste.
Gedanken zum Leben schreibst du….das Leben kommt mir so viel schwieriger und komplizierter vor als der Tod. Wozu braucht es das überhaupt, dieses Leben? Für mich ist es eine Berufung, Gott hat mich da hineingestellt. Will mich reifen lassen, Es gibt Aufgaben für mich im Leben, es gibt Menschen für die mein Dasein wichtig ist, es gibt Dinge, die soll ich sehen, spüren und durchleben, aushalten, es lässt mich wachsen. Gefühle werden tiefer, intensiver, das Verständnis für andere nimmt zu…
Alles wunderbare Weisheiten, gell, und doch so theoretisch wenn man so etwas erleben muss wie du, ich weiss!! Ich will nicht irgendwelche Floskeln loswerden…
(Und schon gar nicht will ich missionarisch werden, hoffe das verstehst du nicht so, wenn ich von meinem Glauben rede.  Bei der Suche nach Gott habe ich halt den Weg über Jesus ausprobiert, und das hat für mich Hand und Fuss …..der kennt sich aus mit Leben und Tod finde ich.)
Oje, der Brief wird lang…
Fühle dich ja nicht verpflichtet zu antworten.
Keine Ahnung warum mir dein Schicksal so nah geht, wir kennen uns doch nur ein wenig…….

Veröffentlicht von

liowa

ich bin 45 als mein 19 Jähriger Sohn sich das Leben nahm war ich 43 ich brauche gerade diese Zahlen um mich zu verorten wo ich gerade bin in der Zeit. Ich LEBE mit meinem toten Kind. Erlebe mein Leben mit meinem Toten Kind. Andere Menschen leben mit ihrem lebendigen Kindern- ich nicht mehr. Auch das Leben mit meinem toten Kind ist möglich

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